Ruhrgebiet: Eine deutsche Biographie

Heute, am 21.12.2018, endet der Bergbau in meiner Region, dem Ruhrgebiet. Anlass genug, um ganz persönlich über meine Traditionen und meine Geschichte nachzudenken.

Gestern hat meine Genossin Lisa Kapteinat aus Castrop-Rauxel sich via Facebook bei den Kumpeln gedankt, die so viel für Deutschland geleistet haben. Keinerlei Widerspruch. Eine Randnotiz hat mich hingegen aufmerksam werden lassen. Burkhard Kapteinat, Lisas Vater ist Rechtsanwalt und hat nie, wie mein Vater auch nicht, unter Tage gearbeitet. Ich habe also über meine eigene Geschichte, und meine Verbindung zur Kohle und dem Ruhrgebiet nachgedacht.

Meine DDR-Geschichte

Mein Vater wurde am 23. November 1938 in Wittenberge an der Elbe zwischen Berlin und Hamburg geboren. Der Krieg hatte gerade begonnen. Über diese Zeit hat er insgesamt wenig berichtet. Er hat von dem Nachkriegswinter erzählt, der so kalt war, dass Gänse auf der Elbe festfroren und sich die Wittenberger einmal satt essen konnten. Meine “leibliche” Oma verstarb früh. Mein Vater war ein Kind, ich habe sie also nie kennen gelernt.

Nach dem Krieg hat mein Vater eine Ausbildung als Wagenmeister bei der Deutschen Reichsbahn gemacht. Das passte zu meinem Vater. In der DDR bei der Reichsbahn zu arbeiten, die nie umbenannt wurde, war genauso widersprüchlich wie sich selbst als tief roter Sozialst zu verstehen und gleichzeitig Friedrich den Großen zu verehren und viel Wert auf preußische Tugenden wie Pflichterfüllung, Ethos und selbstloses Dienen zu legen. Er hat auch mit leuchtenden Augen erzählt, dass er einmal während seiner Ausbildung nach Berlin musste und, weil die Bahn (damals schon) es nicht hinbekommen hat, ihn und seine Kollegen in einem Ausbildungsheim unterzubringen, er die Nacht im Salonwagon Kaiser Wilhelms II verbringen musste.

Schwieriger, wenn auch typisch preußisch hingegen fand er, dass er nach seiner Ausbildung zum Wagenmeister nach Hause kam und ein Schnitzel bekam, während sein Vater und seine Stiefmutter “Graupensuppe fressen wollten”. Er wäre ja schließlich als Wagenmeister Offizier. Er hat natürlich geteilt.

Mein Opa war noch Knecht bei einem Bauern, bevor er bei der Reichsbahn als Streckenläufer angefangen hat. Wenn mein Vater seinem Sohn die Geschichte nicht noch spannender machen wollte, als sie eigentlich war, ist er nachts los, mit Tippelschritten, einer Karbid-Lampe und einem Gewehr gegen die Wölfe.

Meine Oma, also meine Oma, die die ich geliebt habe, weil sie für mich das Ideal einer Oma gütigen, immer lächelnden Oma war, hat als Flickschneiderin bei de Reichsbahn gearbeitet. In Wittenberge konnte man damals wohl entscheiden, ob man in der Ölmühle, im Nähmaschinenwerk oder eben im Bahnbetriebswerk anfangen wollte. Oma ist irgendwie nie in Rente gegangen. Nicht, weil sie das nicht durfte, sondern weil sie keine Lust hatte zu Hause zu bleiben. Preußen eben.

Papa, Oma Marta und ich.

Mein Opa hat Oma nach dem Krieg geheiratet. Oma hieß mal Martha Jablonski und kam aus Ostpreußen. Sie war mit Kind und Kegel vor den russischen Truppen geflohen, stand mit ihrem Sohn, Onkel Dieter, in Wittenberge und mein Opa stand mit meinem Vater und seiner Schwester, Tante Herta auch da. Also haben sie sich zusammengetan.

Irgendwann war Papa verliebt. Und ich meine wohl, er muss über beide Ohren verknallt gewesen sein. Weil Wittenberge dieses große Bahnbetriebswerk hatte und so gut wie alle Güterzüge und Truppentransporte der Russen über die Stadt liefen, war mein Vater “Geheimnisträger” und genoss einige Privilegien. Er durfte in der ersten Zeit nach West-Berlin und dort einkaufen, sodass er, seine Freundin und seine Freunde immer besonders chic angezogen sein konnten. Irgendwann wollte sie aber ganz in den Westen. Blue Jeans statt Blaumann. Und Papa war halt verliebt…

Ankunft im Pott

Irgendwo zwischen Gelsenkirchen und Herne hat sie ihn dann verlassen und Papa war plötzlich fast alleine hier. Seine Schwester war schon deutlich vorher im Ruhrgebiet angekommen, führte aber ein eigenes Leben. Er hat dann irgendwann mit Opa telefonieren können, den die Flucht meines Vaters überrascht hat. Er wusste vorher von nichts und war todbetrübt, dass nun seine beiden Kindern weg waren. Er meinte aber auch, Papa sollte bloß hier bleiben, die Stasi hatte sogar sämtliche Bohlen aus allen Zimmern gerissen um die Hintergründe Papas Staatsverrats zu klären. Das Lieblingslied meines Opas war seitdem “Junge, komme bald wieder!”

Papa musste irgendwie Arbeit finden und so ging er “auf Montage”. Heute würde man sagen, er fing bei einem Subunternehmer an. Und im Rahmen dieser Tätigkeit landete er immer wieder in den Betriebsschlossereien verschiedener Bergwerke, musste Loren schweißen und reparieren und zusammenschustern, was immer anfiel.

Vorgezogene Vereinigung von Ost und West

Irgendwann hat er meine Mutter kennen gelernt. Meine Mutter ist eine echte Erlerin. Westfälin. Ihre Großeltern hatten einen kleinem Kotten auf der Frankampstraße. Nach dem Krieg wurde wegen des Wohnraummangels der Hausbau gefördert und sie haben ein Mehrfamilienhaus mit einer der über 100 Kneipen, die es im Stadtteil gab, gebaut. Beliefert von der “Glück-Auf-Brauerei” und frequentiert von Bergleuten. Hier haben beide natürlich immer ausgeholfen.

Nie unter Tage – Trotzdem Dank an das Ruhrgebiet

Nein. Mein Vater war auch nie unter Tage. Das hätte er, glaube ich, nicht gekonnt. Er liebte das Meer und die Weite. Ich glaube, er wäre da unten verrückt geworden. Aber die Zeit aufm Pütt hat in ihm eine tiefe Sympathie für die Kumpel und einen genauso tiefen Respekt für die Menschen geweckt. Und diese hat er auf mich übertragen. Und die Freundschaften aus diesen Zeit haben über die Jahrzehnte gehalten. Auch wenn mein Vater irgendwann als Servicetechniker für Kopiermaschinen angeheuert hat. Mein Vater ist bei einem Unfall umgekommen, als ich 17 war. Und er fehlt immer.

Ich bin auch nur “Tourist” auf Prosper gewesen. Aber ich bin sehr dankbar. Ich habe durch das Leben meines Vaters, meiner Mutter und meiner ganzen Familie ein so tiefes Verständnis für die deutsche Geschichte. Ich habe in meiner Familie alles. Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen, die Teilung Deutschlands, alles durch die Verbrechen entstanden, die aus dem nationalsozialistischen Wahnsinn entstanden ist, Wurzeln in Preußen und Westfalen. Mein eigener, ganz deutsch-deutscher Migrationshintergrund.

Das ist aber im Ruhrgebiet egal. Im Pott hat jeder, wenn er ein wenig an der Oberfläche kratzt einen Migrationshintergrund. Hier zählt, wer de bis’, wo’e stehst und watte machs’. Wenn alle schwat in Gesicht sin’, siehs’e nich’ mehr, wo’e her bis’! Solidarität is’ dat Stichwort und wenn’e Mist Baus’, keine Sorge, irgendeinen holt dich au’m Boden zurück.

Danke nicht nur für hunderte von Jahren Wärme inne Bude! Danke für dieses Lebensgefühl Ruhr, das die Kumpel hier geprägt haben! Und dieses Lebensgefühl müssen wir erhalten und weiterhin Perspektiven für die Menschen schaffen.

Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial